Genusslauf 2009 - der Laufbericht
Unser diesjähriger Laufbericht entfällt, wir verweisen auf die Berichte
im Laufreport und
im Laufspass,
sowie auf den der Riegeler Mumien.
Statt eines Laufberichts hier, auf vielfachen Wunsch, die Gedanken der Rennschnecke, vorgetragen bei der Pasta-Party am Vorabend des Laufs.
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I. Treppchen
Kennen Sie Wim Vansevennant? Sehr wahrscheinlich nicht. Leute wie Michael Schuhmacher, Lance Armstrong, Jan Ullrich, Dieter Baumann, den 1. FC Bayern, Max Frei und wie sie alle heißen, unsere erfolgreichen Sportler, sie sind Ihnen sicherlich bekannt. Es sind diejenigen, die am Ende eines sportlichen Wettkampfes, am liebsten ganz oben, auf dem Treppchen stehen. Allen ist gemeinsam: eine große sportliche Leistung wird anerkannt, gewürdigt, belohnt. Erster sein, Bester sein, Sieger sein Gewinner sein. Lorbeerkranz, Sektdusche, stolz geschwellte Brust. Begehrt sein, gefragt sein. Ruhm und Ehre und große Geldbeträge winken dem Sieger.
"We are the Champions ..." ist der Dauerhit in den Stadien. Oder von ABBA: "The Winner takes it all ....", vor einigen Jahrzehnten. Und die Fans johlen begeistert mit. Feiern mit Millionen den Sieg. Wer möchte da nicht gerne oben stehen?
Bleiben wir bei unserem Treppchen: Banale, aber wichtige Erkenntniss: Ohne diesen "Second Place" gäbe es den "First Place" nicht. Kein Wettkampf ohne Gegner, oder besser: Mitstreiter. Kein Wettkampf also ohne zweiten, dritten und weiteren dahinterliegenden Platz. Kein Winner ohne Looser, für den es "No Time for Loosers" gibt, bei ABBA heisst das einfach: "The Winner takes ist all, the Looser is standing small". Freizügig übersetzt: "Der Verlierer kuckt ganz schön bedröppelt aus der Wäsche." Denken Sie an die enttäuschten Gesichter bei einem Fussball-Finale. So weit gekommen und dann doch verloren. Und beim Laufen noch schlimmer, weiter nach hinten durchgereicht, von allen überholt bis zum allerletzten Platz, Letzter sein.
Letzter sein: Betrachten wir diese Worte genauer: Ersteres meint, als letzter an einem Ziel angekommen zu sein, was voraussetzt, dass Mensch sich irgendwann mal auf einen Weg gemacht hat, mit vielen anderen, die vor ihm angekommen sind. Folglich ist diese Person nicht allein und hat die Erfahrung des Weges mit vielen anderen Menschen geteilt, die ein ähnliches Ziel verfolgen. Mensch ist also in Gesellschaft Gleichgesinnter. Und: die Person hat sich eine Aufgabe gestellt, die sie erfüllen möchte und von der sie überzeugt ist, dass sie es schafft. Geschafft ist sie, aber eben als letzter.
Das zweite Wort ist mir viel wichtiger, und es ist eng mit dem vorhin genannten verbunden: das SEIN. Unser Sein hat einen Inhalt, eine Aufgabe, die wir uns suchen, der wir uns stellen. Der Weg ist das Ziel. Eine wichtige Erkenntnis vor allem aus der Position des Letzten ist die des Respekts vor sich selbst, vor den eigenen Grenzen, aber auch Anerkennung der eigenen Leistung. Es mag Enttäuschung dabei sein, aber es gehört zu jedem sportlichen Wettkampf, dass irgendjemand den letzten Platz einnimmt.
Das eigene persönliche Treppchen in sich tragen. Freude am Laufen, an den vielen schönen Lauferlebnissen, die Mensch während der vielen Vorbereitungsläufe hatte. Die Freude am immer wieder überwundenen Schweinehund, wenn Mensch trotz widriger äußerer Bedingungen doch gelaufen ist. Die eigene persönliche Leistung anerkennen, das ist umso wichtiger, als dass der Letzte in der Regel keine Preisgelder einheimst und auch keine besondere Ehrung erfährt, manchmal eher das Gegenteil. Der Genusslauf Müllheim ist da eine rühmliche Ausnahme, weil die letzten 30 eine besondere Ehrung erfahren. Im Vordergrund dieser sportlichen Veranstaltung stehen der Spass an der Freud und der Genuss in vielerlei Hinsicht. Und das empfinde ich als motivierender, als das verbissene Kämpfen um Hunderstelsekunden.
Ich will keinen Hehl daraus machen: Natürlich hätte ich mich gefreut, wenigstens etwas weiter vorn platziert in das Ziel zu kommen. Es hinterlässt sehr gemischte Gefühle, als Letzter ins Ziel zu kommen und ebenso gemischte Gefühle, nach Außen dazu zu stehen. Fakt ist, ich war letzter.
Und das wollte ich beim nächsten Lauf durch ein Zeichen unterstreichen, indem ich im Kostüm einer Schnecke den Halbmarathon bestritt. Einer ist immer der letzte. Für die Tabellenfreunde unter Ihnen: 2008 bin ich nicht letzter geworden - sondern Vorletzter ... Die Zeiten sprechen eine eigene Sprache: 2007 2:54; 2008 als Vorletzter 3:30. Fast vergessen: Wim Vansevennant ist Radrennfahrer. Bei der Tour de France wurde er 2004, 2005 und 2006 Letzter, 2007 Vorletzter und 2008 wieder letzter.
II. Lauferfahrungen
Kritische Stimmen unter Ihnen werden jetzt sagen: "Das kann ja wohl nicht sein, wenn Mensch regelmäßig trainiert." Ich habe trainiert!
Als ich mit dem Laufen begann, war ich dreizehn Monate alt. Meine Joggerkarriere begann in Münster, als mich ein Kollege zu einer spontanen Runde um den AA-See einlud. Das war sehr schön - bis auf den Muskelkater, den ich in der ganzen Woche intensiv bei jeder Treppenstufe in den 4. Stock überdeutlich spürte. Ich war 17, und seit der Zeit lief ich mehr oder weniger regelmäßig, langsam aber stetig.
Als dann in Freiburg das Marathon-Fieber ausbrach, fühlte ich mich angestachelt und wollte es wissen. Also, Streckenplan besorgt, rauf aufs Rad in Laufklamotten und raus zur Freiburger Messe, Stoppuhr auf 0, und los ging es. Mein Hausarzt hatte mir empfohlen, auf meinen Puls zu achten und nicht den aeroben Bereich zu verlassen. Es dauerte eine Weile, bis ich das Gepiepse des Pulsmessers gebändigt hatte. Das hatte zur Folge, das mich gemütliche Spaziergänger, glückliche Paare mit und ohne Kindern, Gipsbeinträger mit Gehhilfen oder ältere Personen mit ihren Rollatoren erschreckend lässig überholten. Ich fühlte mich gut, als ich wieder bei der Messe ankam, keinerlei körperliche Beschwerden hatte, auch nicht in der Zeit danach. Meine Stimmung sank, als ich die Zeit sah: 3:50; noch mehr sank sie, als ich feststellte, dass mein Fahrrad geklaut war, ich die 10 KM nach Hause laufen musste, und war dann ganz unten, als mich meine wütende Frau mit dem kalten Abendessen begrüßte.
Ich zerriss die Anmeldung für dieses Jahr, beschränkte mich auf das Anfeuern von ein paar Bekannten und nahm mir vor, für das nächste Jahr intensiv zu trainieren. Zu den einsamen Touren vor der Arbeit sollte eine Laufgruppe her, von der ich mir etwas Geselligkeit und gute Anregungen zum Schneller werden versprach.
Mittwoch 19 Uhr Sternwaldwiese: Die Laufgruppenleiterin stellt sich als Christiane vor, eine große blonde Frau, an der noch das T-Shirt Größe 36 wie eine Zeltplane wirkt. Sie laufe regelmäßig, und wegen ihrer vielen sportlichen Erfolge würde man sie auch die Gazelle vom Rosskopf nennen, weil das ihr eigentliches Trainingsrevier sei. Neben mir sind fünf weitere Männer und noch drei Frauen dabei. Sie scheinen sich schon lange zu kennen, ebenso das 20-minütige Aufwärmprogramm, das mich schon fast an meine Grenzen bringt. Anschließend geht es im "lockeren Trab" Richtung Kybfelsen. Schon bald verliere ich zuerst die Gruppe und dann die Orientierung. Es ist Neumond und etwa Mitternacht, als mich die Suchhunderettungsstaffel findet.
Dann doch lieber wieder allein die Runden drehen, vorsichtig ausweiten und ordentlich Buch führen. Der Puls ist ok, das Tempo gleichbleibend - langsam. Ich kaufe ein Fachbuch, leihe drei weitere dazu. Meine Krankenkasse bietet mir einen Trainingsplan mit einem elektronischen Coach an. Aber dessen standardisierte aufmunternde Sätze helfen mir auch nicht weiter. Auch die Ernährung habe ich umgestellt.
Durch die Presseberichte über die Tour de France kommt mir eine verwegene Idee: (Sagen Sie es bitte niemandem weiter!) Ich recherchiere ein wenig und stelle fest, dass Jan Ullrich die gleiche Blutgruppe wie ich hat. Ähem ... vielleicht merkt es ja keiner und mir würde es was nützen und es wäre ja auch für einen guten Zweck und die Klinik wäre die Sorge unauffällig los ... Also frage ich nett und freundlich bei der Uniklinik nach und erhalte genau so nett und freundlich die Antwort, dass die Proben längst Ffrei gegeben worden wären .... Was wollen uns diese Worte sagen? 1. Doping ist nicht so eine gute Idee ... und 2. weitertrainieren.
Laufgruppe, zweiter Versuch: Die "Rosaddidas" treffen sich Freitags zum Laufen und Spaß haben um 19 Uhr beim Uni-Sportpark. So steht es in der Zypresse. Ich treffe auf sieben sportlich-leger gekleidete Männer zwischen 20 und 40, deren Vorname fast immer mit einem D beginnt. Der Leiter stellt sich mir als Dagobert vor und klimpert mit seinen Wimpern, als er mir den Trainingsablauf schildert. Nach einen paar gymnastischen Übungen geht es auch schon Richtung Wald. Die Stimmung ist etwas eigenartig, mich irritiert dieses dauernde Gekichere. Dagobert läuft die ganze Zeit dicht neben mir und redet ohne Unterlass. Er sei Masseur, aber gerade arbeitslos, was aber nicht so schlimm wäre, weil er ein wenig geerbt hätte und davon ganz gut leben könnte und so weiter ... Die anderen sind schon nicht mehr zu sehen, und Dagobert mustert mich beim Laufen, bewundert schwärmerisch meine tollen Waden und die elegante Sportjacke, die ich trage. Er steht ja eigentlich nur auf lila Kapuzenjacken und geht immer mehr auf Tuchfühlung. Ich habe ja nix gegen Menschen, die ein bisschen anders sind, aber das wird mir doch etwas zu warm, obwohl es Ende Oktober ist. Zum Glück kenne ich die Gegend, verabschiede mich an der nächsten Weggabelung mit einer unverständlichen Entschuldigung mit einem sehr langen Sprint und hinterlasse einen enttäuschten Dagobert. Puhh !!!
Wat nu? Soll ich`s lieber lassen oder lass ich`s einfach sein? Aufgeben ist nicht gerade meine Stärke, und ich bemühe mich, so gut wie es geht, im Trainingssoll zu bleiben, was aber nicht immer gelingt. Manche Laufeinheiten ersetze ich durch Rad fahren zur Arbeit, das gibt auch Kondition, aber keine Steigerung des Lauftempos. Ein Freund überredet mich, doch beim Britzinger Silvesterlauf mitzumachen, sagt allerdings selbst kurz vor dem Start ab. Ich werde viertletzter und bin froh, zumindest die leicht untersetzte Kampfkugel hinter mir zu lassen. Die beiden anderen haben aufgegeben.
Im Winter ist es besonders schön zu laufen. Ich drehe meine Runden im Schnee, genieße die Landschaft, die Stille, das gleichmäßige Tempo.
Dann der große Tag: der Freiburg-Halbmarathon. Das bedeutet Schlange stehen auf dem Zubringer, am Ikea-Parkplatz, bei der Taschenabgabe, Herrentoilette, Umzugskabine. Geduld ist gefordert, selbst beim Start steht man noch Schlange, um endlich über die Startlinie zu dürfen. Doch dann erlebe ich das, was ich bei anderen Läufen oft erlebe: ich werde nach hinten durchgereicht und habe daher viel Platz zum Laufen. Anfangs ist es noch recht laut, viele Bands und ein tolles Publikum, was einen anfeuert. Doch das nimmt schnell ab. Spätestens ab Herdern (ca. KM 15) bauen die Gruppen ab, hin und wieder erreicht mich ein einsamer Anfeuerungsruf. Meine Familie wartet mit Freunden mindestens eine Stunde länger wie errechnet. Mir geht es gut, ich laufe mein Tempo. Auch der letzte Verpflegungsstand wird gerade abgebaut, ich bekomme den vorletzten Becher gereicht, die Straßensperren werden schon wieder eingesammelt, nachdem ich durch bin. Im Ziel gibt es noch den ein oder anderen, der mich anfeuert und noch einen, der nach mir im Ziel ankommt. Hunger und Durst habe ich, aber den versprochenen Verpflegungsbeutel gibt es schon nicht mehr. Also Wasser aus dem Kran und zum Massagezelt, vielleicht habe ich da ja etwas Glück. Ich kann gerade noch rechtzeitig flüchten, bevor mich Dagobert, der mit dem Abbau von Massagebänken beschäftigt ist und dabei intensiv mit einer Person undefinierbarem Geschlechtes herumturtelt. Unterwegs zu den Duschen treffe ich auf einen gut gelaunten Teil der ersten Laufgruppe. Wir wechseln ein paar Worte, offenbar etwas zu viele, denn bei den Duschen hat man inzwischen das warme Wasser abgedreht. Also kalt duschen, ist ja auch egal.
Das Fazit ist gemischt. Viel Geld für eine Veranstaltung, bei der man schnell sein muss, wenn man alles mitbekommen will. Meine Fußsohlen kribbeln etwas, weil es ausschließlich über Asphalt ging. Der Rest vom Körper ist heile, müde, zufrieden.
Der erste Genusslauf, 10,2 KM: Dieses mal läuft der Freund wirklich mit, hat zwar wenig trainiert, will auch mit mir laufen, ist aber bereits in den Reben verschwunden. Erst an der Genussstation entdecke ich ihn wieder. Mein Popstar-Kostüm ist zwar etwas warm, sorgt aber für gute Laune, die mich bis ins Ziel hinein begleitet. Überhaupt, die Stimmung ist hier viel familiärer. Wenn Halbmarathon, dann hier.
Und so wiederholt sich das Trainingsprogramm, etwas intensiver, etwas disziplinierter, in der Hoffnung, etwas schneller zu werden. Was 2007 aber nicht gelingt. Unkostümiert werde ich frühzeitig nach hinten durchgereicht und finde mich mit fast der gleichen Zeit wie im Vorjahr im Ziel wieder, wo mich mein Sohn und meine Frau empfangen. Und dieses Mal werde ich mit einem Titel nach Hause geschickt. Ich bin Läufer der Hoffnung 2007.
Meine Aussichten 2008 stehen lange gut, den Titel erfolgreich zu verteidigen. Ich habe den Ehrgeiz durch die Hoffnung ersetzt. Schon ab KM 1 renne ich als einsame Schnecke bei tollem Wetter durch Wald und Reben, gehe meinen Gedanken nach, Familie, Freunde, Verwandte, Arbeit, Weltfreud und Weltleid. Kleine und große Sorgen des Alltages. Mein Training im Sauerland im Schnee. Die Begegnung mit dem großen Hund im Dunklen. Laufen im Schneegestöber. Ideen entwickeln, überprüfen, einzelne Kilometer besonderen Personen widmen, z. B. meinem verstorbenen Vater. Singen, was einem so in den Sinn kommt, Lieder vom Laufen, z.B. Herrmann Van Veen: "wir müssen gehen, laufen, rennen, hinfallen und dann wieder aufstehen ..." Die Welt ist schön und mir geht es gut, sehr gut.
Die zwei vor mir höre ich reden. Manchmal gehen sie, aber mir fehlt es an Kraft, um vorbeizuziehen. Mein Puls ist ok, aber die Zeit ... Vergiss es, Laufen soll Spaß machen, macht Spaß! Auf dem letzten Drittel werde ich tatsächlich schneller und kann an den beiden vorbeiziehen. Zur Siegerehrung ist es zu spät, aber es gibt noch etwas zu essen. Ich treffe eine sehr nette Bekannte wieder und beschließe, diese Begegnung zu einer der schönsten persönlichen Ereignisse des Tages zu erklären. Die Duschen sind warm, mein Rad ist noch da, der Zug bringt mich nach Freiburg und aus der Reisetasche lugt ein kleiner Zipfel des Schneckenkostümes ...
Copyright © Rennschnecke, 2009


