Genusslauf 2010 - Laufbericht
10 Jahre Genusslauf - sogar die Götter geben sich die Ehre!
Der 10. Genusslauf stand wahrlich unter einem guten Stern: Nachdem der härteste Winter in der Zeitrechnung des Genusslaufs so manchen Trainingslauf verhindert hatte und der winterliche Genuss und die damit verbundene Völlerei kein Ende finden wollte, grüsste ausgerechnet zum 10. Jubiläumslauf eine strahlende Sonne und brachte uns - erstmals in diesem Jahr - frühsommerliche Temperaturen. Einfach nur Glück? Mitnichten! Ganz von oben gesandt! Der in weißes Tuch gehüllte Genussgott persönlich feierte überraschend seine Laufpremiere in Müllheim, stieg während des Kostümierungs-Wettkampfs barfuss auf die Bühne und rezitierte in dionysischem Gewand, rote Weinbeeren lutschend, lateinische Verse. Gemäß dem, was die überraschten Zeugen dieses göttlichen Auftritts verstanden, handelte es sich um himmlische Grußbotschaften.
Das Genusslaufwochenende beginnt für viele Fans dieses einzigartigen Anlasses (die mit dem marathonischen Genussfaktor!) jeweils am Freitag mit dem Müllheimer Weinmarkt, dem ältesten seiner Art in Baden. Bei der 128. Auflage dieser Mammut-Degustation von 400 Markgräfler Weinen konnten die anwesenden Genussläufer und ihre Laufgäste testen, was die 2009 noch als zarte Knospen an der Wegstrecke des Laufs hängenden Früchte nun im Glas so bewirkten. Wie jedes Jahr nimmt der Geräuschpegel mit jedem Schluck zu und die Gesichter der Einheimischen schimmern in immer vielfältigeren rötlichen Schattierungen. So mancher Läufer dürfte im kommenden Jahr neu hinzukommen, wenn er seine 2010 beim Genusslauf gewonnene Eintrittskarte für den Weinmarkt 2011 einlösen wird.
So richtig zur Sache ging es für die Glücklichen, die einen der 40 Plätze ergattert hatten, beim samstäglichen Warming-up: zum dritten Mal führten wir zur Einstimmung auf das Hauptereignis am Vortag unseren Degustationslauf durch. Für viele ist dies der eigentliche Genusslauf - geht es doch ohne Zeitmessung und ohne Wettkampfstimmung gemütlich über ausgewählt schöne Wege direkt zu einem unserer Weingüter, die von Beginn an unsere Laufveranstaltung unterstützen. So langsam formiert sich hier eine kleine Stammgruppe von Läufern. Bereits nach drei Kilometern stärkte sich die illustre Truppe zur Halbzeit an einem der Rebhäuschen mit Nusszopf und Gutedel (gereicht von unserer Rapunzel Sabine), bevor es in den lauschigen Hof des Weinguts von Herrmann Dörflinger ging. Aus der ursprünglich geplanten Verkostung von drei Weinen wurden schließlich deren sechs. Geboten wurden fachkundige Erläuterungen von Herrmann Dörflinger junior - dazu überraschte Mitarbeiter Hans Werner Oettlin nicht nur mit spritzigen Weinen, sondern auch mit nicht minder spritzigen Gedichten, die er frei und vergnügt rezitierte.
Mit nur einer kleinen Duschpause ging es im Abendgewand zur traditionellen Pasta-Party - dieses Jahr im Circo Loco. Das eigens zusammengestellte Genussläufer-Kabarett zelebrierte eingangs 10 Jahre Laufgeschichte und besang speziell die Ahnengalerie der verschiedenen Vereins-Präsidenten. Im traditionellen griechischen Kostüm aus der vorsokratischen Zeit gab sich im grossen Finale Präsident Jens Uwe Voss schulterfrei, lorbeergeschmückt und erhaben die Ehre. Die Pasta mit verschiedenen feinen Saucen wurde begleitet von gereiften vergorenen Rebensäften der Sponsoren. Eine Handvoll unermüdlicher Läufer nutzte das Angebot, zu DJ Ottis Klängen ein letztes Mal am Vortag des grossen Laufs die Beinmuskulatur zu lockern.
Bereits in den frühen Morgenstunden strömten die vielen Helfer und Organisatoren ins Eichwaldstadion. Andere schwärmten aus in die Wälder, um letzte Vorbereitungen zu treffen. Während die Sonne bereits gewaltig einheizte, startete der Nachwuchs die traditionelle Wildschweinjagd: unter dem Motto "Jag' das Wildschwein" begann um 12 Uhr der Kinderlauf als Huldigung an unser Vereinstier. Die wie jedes Jahr erfolgreiche Jagd feierten die kleinen Genussläufer mit kühlen Getränken und schönen Preisen - unser Wildschwein Sebastian war froh, bei dieser Hitze den Winterpelz wieder abstreifen zu dürfen.
Zeitgleich gewann der unvorbereitete Zuschauer in der Nähe der Bühne den Eindruck, Müllheim habe sich bei der Terminierung des Karnevals vertan: eine noch größere Schar verkleideter Sportler als in den Vorjahren bewunderte die auf der Bühne präsentierte Kostümschau. Der zum zweiten Mal vor dem Start eingeschobene Catwalk auf dem Laufsteg zur späteren Prämierung von MNGM, "Müllheims Next Genuss-Model", war eine Augenweide - und auch was fürs Zwerchfell. Immer gelungener sind die Bühnenauftritte der Kostümierten - manche Gruppen bringen bereits die eigene CD mit. Wir sahen Steinzeitmenschen, die mit kannibalistischen Absichten den Stadionsprecher auf den Laufsteg zerrten. Götter, Teufel, Barbaren und Märchenfiguren zeigten sich - ein maskulin wirkendes "Schneeflittchen" hing an einem Seil mit sieben reizvollen, femininen Zwergen (Eigenname: Schneeflittchen und die sieben geilen Zwerge); dazu Marie und Sepp aus dem Schwarzwald mit Torte und aufwendiger Kuckucksuhren-Konstruktion, verzweifelte Hausfrauen, Warmduscher oder eine illustre Zockerrunde, die Spielkarten verteilte - die Pokerfaces. Die Rennschnecke von 2009 legte einen Zacken zu und mutierte zum Rennschwein. So gestaltete sich die später im Rahmen der Siegerehrung bekannt gegebene Entscheidung der Jury für die besten Verkleidungen außerordentlich anspruchsvoll.
Nach so viel Unterhaltung und einem letzten Warm-up von Tina (von Rückgrat Müllheim) startete Chef-Kanonier Kurt Hölzle Punkt 13 Uhr zum zehnten Male lautstark Deutschlands schönsten Halbmarathon. Bei knalligen 25 Grad begaben sich mit einem zweiten Schuss 20 Minuten später unsere vielen Viertele-Marathoni auf ihren sportlichen Weg. Weit über 1´300 Läuferinnen und Läufer machten sich im seit Wochen ausgebuchten 10. Genusslauf in beiden "Disziplinen" auf die abwechslungsreiche, aber anstrengende Strecke. Ein Fest im Frühling - um diese Zeit wohl nur im Markgräflerland möglich: die Kirschen und Apfelbäume noch in voller Blüte, in den Weinbergen das Gelb der Löwenzahn, dunkel im Hintergrund der Hausberg Blauen und letzte Schneereste auf dem Belchen. Unerbittlich strahlte die Sonne in den Reben, zum Wohle des Jahrgangs 2010, zum Leid so mancher Läufer. Im Eichwald war es dafür kühler als in den Reben, aber gefährlich, denn dort schlugen mancherorts die Bäume aus.
An den schönsten Stellen luden wie immer Verpflegungsstände mit vielen Köstlichkeiten zum Verweilen ein - ob Dolce Vita mit Anita oder Wundertee mit Zauberfee, es gab für jeden etwas; legendär ist bereits die Station Markgräflerblick - sie liegt für beide Läufe drei Kilometer vor dem Ziel: hier wird der Original Herren von Reybach Spätburgunder Barrique ausgeschenkt - was im Abwägen zwischen Genuss und Sport schon so manche Laufzeit auf angenehme Weise nach unten gezogen hat.
Sportlich war der Genusslauf 2010 äußerst anstrengend - bei großer Hitze feierte der Schwarzwälder Volker Karwat einen ungefährdeten Start-Ziel-Sieg im Halbmarathon; auf Platz zwei und drei lagen Werner Schwab und Oliver Hillmer. Wie fast jedes Jahr siegte Barbara Imgraben bei den Damen - mit großem Abstand folgten Judit Dengler und Claudia Trabitzsch - same procedure wie 2009! Großer Sport!
Beim "Viertele" setzte sich der Favorit Michael Schöpflin aus Freiburg zum dritten Mal in Folge durch - er lief fast erwartungsgemäß als erster ins Ziel, trotz eines Infekts, der ihn in den Vortagen quälte. Achim Zitzer und Nils Lotz komplettierten das Podest. Den 10000 Meter-Lauf der Frauen gewann Ulrike Ziegler-Pirc vor der erst 18-jährigen Lea Engert aus Kandern.
Im Gefolge liefen die vielen Genussläufer mal mehr, mal weniger gemütlich dem Ziel entgegen. Ein wohltuender Duschbogen kurz vor dem Ziel wusch Salz und Schweiß aus dem Gesicht. Nur noch wenige Meter auf der Tartanbahn des Stadions, ein letztes Schaulaufen vor den vielen Zuschauern und dann war es fast überall zu sehen: das Lächeln im Gesicht! Die Kostümierten trugen auch hier entscheidend zur guten Stimmung bei, all die Steinzeitmenschen, Kartenspieler, Schneeflittchen und ihre sieben Zwerge (Schneewittchen unter solchen Zwergen wäre so mancher von uns auch gern!), unser vom Winter entflohenes Schwarzwälder Pärchen mit Torte und Kuckucksuhr (mit einem Genusslauf-Schweinchen übrigens statt einem Kuckuck!) und nicht zuletzt die beiden laufenden Duisburger Königs- Pilse, die leider mehr als sieben Minuten gebraucht haben (zu viel Degustationslauf am Vortag???).
Erschöpft, aber meist glücklich, lief man durchs Ziel; danach die fotografische Verewigung mit Lorbeerkranz. Erst dann folgte die verdiente Belohnung: kühle Getränke, Lieler Wasser, große Tafeln mit Obst, eine heiße Gemüseconsommé und 5´000 Canapés mit Zander, Lachs oder Roastbeaf warteten auf über 1´300 Sieger. Dazu servierte die Winzergenossenschaft Auggen ihren vorzüglichen Weißburgunder-Sieger-Sekt. Wer noch immer nicht genug vom Genießen hatte, durfte entscheiden zwischen Massage oder einem kalten Gutedel-Schorle an einem der wenigen schattigen Plätzchen. Und nicht zuletzt holten sich alle Läufer noch ihr Jubiläums T-Shirt mit der lächelnden Wildsau, wahlweise eine Flasche Barrique-Spätburgunder im Zielbereich ab.
Dabei sein und durchhalten ist das wichtigste bei uns Genussläufern. Die Zeit spielt weniger die Rolle - mal ehrlich: wer wird von uns noch Olympiasieger? Für die, die sich mehr plagen mussten und zu spät ins Ziel kamen, aber ihren Schweinehund überwunden hatten, gab es die Tafel der letzten Dreißig. Ein Highlight Jahr für Jahr - manche berichten von einem harten Kampf um die letzten 30 Plätze! Besonders gefreut hat uns, dass wieder einmal die größte Mannschaft von der Hertener Laufgruppe St. Josephshaus kam, wo viele Menschen mit Behinderungen Jahr für Jahr ihre riesige Begeisterung zeigen, wenn sie das Ziel erreichen.
Ein entspannter kulinarischer Chillout im Rahmen des Marktes der Genüsse im Taberna rundete eine gelungene Jubiläums-Veranstaltung ab! Schade dass die Teilnehmer aus Schweden und Aserbeidjan nicht kommen konnten - wurden sie doch Opfer der isländischen Vulkanasche. Aber im nächsten Jahr klappt es bestimmt.
Photos werden nun sukzessive ins Internet gestellt. Wer noch gelungene digitale Photos hat, kann sie uns gerne schicken (am besten die Originalbilder auf CD). Wenn es Euch gefallen hat, erzählt es gerne überall weiter. Eure Kommentare und Anregungen zur Veranstaltung sind uns willkommen: Schickt die E-Mails bitte wie immer an kontakt@genusslaeufer.de.
Es bleibt, allen Teilnehmern, allen Helfern und allen Sponsoren und Unterstützern ganz herzlichen Dank zu sagen! Wir freuen uns schon jetzt, mit Euch den ersten Schnapszahllauf, den 11. Genusslauf begehen zu können - aber keine Angst, wir bleiben beim Wein und bei unseren Winzern in den diversen Rahmenprogrammen!