Genusslauf 2011 - Laufbericht
Heraus zum 1. Mai: ein Gespenst geht um, das Gespenst des Genusslaufs!
Tag der Arbeit, Tag der Seligsprechung von Johannes Paul II. und Tag des Genusslaufs 2011: Dieser 1. Mai hatte es ins sich! Zum 11. Mal veranstalteten die Müllheimer Genussläufer ihren etwas anderen Lauf. Wo sonst treffen Spitzenläufer auf Canapés-schmatzende Spaßathleten und diskutieren bei einem Gläschen barriquegereiftem Spätburgunder mit Karl Marx, begleitet von den wilden Klängen zweier Luftgitarren?
Für das Veranstalterteam um den Vorsitzenden Jens-Uwe Voss reichte ein Tag der Arbeit bei Weitem nicht aus, um dies alles auf die Beine zu stellen. Und doch wirkten die Abläufe dieses Jahr wie aus einem Guss - Hektik blieb ein Fremdwort. Selbst die Sonne steuerte die richtigen Temperaturen bei: just als erste Erinnerungen an den Hitzelauf 2010 aufkamen, schob sich unauffällig eine schützende Wolke über sie und sicherte so den Genussfaktor.
Wie jedes Jahr starteten die aktivsten Genussläufer das marathonisch-dionysische Wochenende am Freitag mit dem Müllheimer Weinmarkt. Bei annähernd 400 zu probierenden Weinen galt es, sich mit System oder Mut zur Lücke durchzu"arbeiten", um nicht vorzeitig auf der Strecke zu bleiben. Schließlich war ja noch ein intensives Genusswochenende zu bewältigen.
Dieses startete dann gleich am frühen Samstagnachmittag mit dem Degustationslauf und damit ersten sportiven Akzenten. Längst ist der Degulauf kein Geheimtip mehr und folgerichtig bereits seit November ausgebucht. Unter der fachkundigen Führung von Thomas Basler, Genussläufer und Geschäftsführer der Auggener Winzergenossen, startete die Prozession mit einem kühlen Gläschen Sekt, standesgemäß in Flaschengärung gereift. Ohne Uhr und weit entfernt von Leistungsdruck bewegte sich eine Karawane von 40 gemütlich trabenden Läuferinnen und Läufern, eskortiert durch eine kleine bewährte Delegation über die Müllheimer Weinberge in Richtung Auggen. Unterwegs erfuhr die interessierte Laufgruppe eine Menge Wissenswertes über Land und Rebberge. Thomas Basler organisierte anschließend eine unterhaltsame und hochinformative Führung durch die Großkellerei. Nach mehreren feinen Tröpfchen und einer ultimativen Trockenbeerenauslese führte ein Bus die beschwingte Prozessionstruppe zurück nach Müllheim.
Nahezu übergangslos begann nach diesem Warm-up um 19 Uhr die alljährliche Pasta-Party. Ort des Geschehens war dieses Mal der malerische Hof und, später, der gemütliche Keller des Markgräfler Museums. Den größten Teil der Gäste machte die 20-köpfige Läufergruppe aus Auggens Partnergemeinde Chateauneuf-du-Pape, der fränkische Lauftreff aus der Gegend von Aschaffenburg, eine Gruppe junger Dresdner sowie die Genussläufer selbst aus. Nicht nur das feine Essen - zubereitet unter Leitung des Genussbeauftragten und Nebenerwerbs-Sternekochs Michael Lacher - auch das gesamte Kulturprogramm vom vereinseigenen Chor (Arbeiterlieder mit neuer Textur, wie "Bella Sau", die Hymne auf das Wildschwein), über Kleintheater, Jonglage und der launige Laufbericht über den Weiße-Nächte-Marathon in St. Petersburg von Ex-Präsi Christoph Hoffmann war sozusagen hausgemacht: von vielseitig begabten Vereinsmitgliedern. Da durfte selbstredend auch ein heißes Tänzchen in den Maien nicht fehlen: bei fetzigen Klängen von "Dr. Vielgut" (Motto: ansteckender Rock'n'Roll zwischen Genie & Wahnsinn!) gab es erste sportliche Höchstleistungen zu bestaunen.
1. Mai, 12 Uhr mittags, die letzten Aufbauarbeiten sind erledigt, hunderte von Läufern füllen das Eichwaldstadion, der DJ lässt es ordentlich dröhnen, der Moderator kämpft lauthals dagegen an. Parallel starten gleich zwei Höhepunkte. Der beliebte Kinderlauf "Jag' das Wildschwein!" und die Kostümparade. Unser Wildschwein namens Sebastian, im Vorjahr am Ende voller blauer Flecken, hat den gefährlichsten aller Jobs: alleine gegen über 100 kleine Jäger zu bestehen, was ordentlich schmerzen kann, wenn alle gleichzeitig die arme gefangene Sau zurück ins Stadion zerren.
An der Hauptbühne beginnt zeitgleich der illustre Catwalk. Die pittoresken Läuferinnen, Läufer und Teams stellen sich in der Kostümparade der kleinen Jury um Kirsten und Jane. Umwerfend, was da wieder zu sehen ist. Passend zum Tag der Arbeit präsentiert sich der leibhaftige Karl Marx als Karl Mag's, mit monatelang gezüchtetem, grau melliert eingefärbtem Rauschebart, wallendem Haupthaar, im tadellosen Anzug mit einem dicken Schmöker unter dem Arm, das von ihm verfasste "Kapital." Unser grosser Vorsitzender Jens-Uwe beweist Esprit und geschichtliches Wissen, als er den später Drittplazierten "Marx" mit den Worten begrüßt: "Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Genusslaufs!" - im Kommunistischen Manifest klang das 1848 nur eine Nuance anders ...
Auch die siegreiche Arbeitstruppe Mon Devoir - wie schon 2010 unterwegs, um einen Schulbau in Togo zu unterstützen - bezieht sich in aufwendiger Kostümierung auf den Tag der Arbeit: im Bautrupp mit gefüllter Schubkarre geht ein weibliches Gruppenmitglied sogar mit Backsteinen auf dem Kopf auf die Strecke - sozusagen in togolesischer Manier. Dagegen kommt der heutige Tag der Seligsprechung insgesamt etwas kurz - einzig ein Läufer ward gesehen, der etwas gewagt beide Feiertagsmotive mit einem Aufdruck der "Linken" und einem Konterfei des seliggesprochenen Papstes auf seinem Laufshirt vereinte.
Staunen dürfen die Genussläufer (und mit ihnen ihre Wein-Sponsoren), daß ihr missionarischer Geist so schnell Wirkung zeigt: aus dem Bier verherrlichenden Duisburger KöPi-Pärchen wurde binnen nur eines Jahres eine waschechte "Beerenauslese Trocken" - für dieses mit Großbeeren geschmückte Doppelkostüm gibt es von der Jury zurecht den dritten Preis im Teamwettbewerb. Unklar bleibt, ob damit möglicherweise Trockenbeerenauslese gemeint war, aber Duisburger Wein hat vermutlich weniger Öchsle!?
Makabrer und genialer Höhepunkt ist jedoch für viele unser siegreicher, originalgetreuer japanischer Tepco-Manager: Niemand weiß exakt, wie viel Male er sich an diesem Tag voller berechtigter Schuld verbeugt hat; noch im Zieleinlauf im Interview mit unseren beiden Stadionsprechern sagt er bei einer Verbeugung leise ins Mikro: "I apologize - it's not my fault…", um anschließend mit sichtbar gekrümmtem Rücken seinen verdienten ersten Preis entgegenzunehmen. Großes Schauspiel!
Doch halt: war da nicht noch etwas mit einem Lauf? Oder zweien? Selbstverständlich starteten ab 13 Uhr gut 1'100 Kostümierte neben Trikotträgern in die beiden Hauptläufe. Die wahren Höhepunkte! Mit dem obligatorischen Kanonendonner von Kurt Hölzle, der mit nunmehr 82 Jahren leider ein letztes Mal in seine badische Kürassier-Uniform schlüpfte, startete "Deutschlands schönster Halbmarathon" in seine 11. Auflage. Nur 25 Minuten später machte sich die große Kolonne der Viertele-Marathoni zum "Du-kannst-es-schaffen-Viertelemarathon" auf in die sonnenbeschienenen Markgräfler Rebberge und die Wälder unserer heimischen Wildschweine.
Kurze Augenblicke der Ruhe kehren ein, während die Letzten das Stadion trabend verlassen und die Ersten noch hoffentlich lächelnd durch die Wälder hecheln. Doch schon beginnen die Vorbereitungen für den mehrstündigen, langgestreckten Zieleinlauf. Vom radelnden Begleiter bestens informiert, wird bald klar, wer den Hauptlauf dominiert: nicht der Seriensieger der ersten Jahre, Max Frei, durch Verletzungen gehandicapt, sondern ein alter Bekannter bestimmt nach ca. vier Kilometern den Halbmarathon: Nourredine Kechad von der deutsch-französischen Brigade. Seit 2006 hält er den Streckenrekord über die kürzere "Viertele-Distanz". Mit 1:15:15 läuft Kechad als Erster über die Ziellinie. Mit einigem Abstand (1:17:42) folgt die regionale Legende Max Frei vor dem drittplazierten Tunibergläufer Robert Krinke (1:18:53). Beim Wettkampf der Damen gewinnt zum sechsten Male Barbara Imgraben (1:31:15); locker trabt sie ins Ziel, mit großem Abstand vor Ingrid Mutter und Isabelle Wilhelm.
Ein sehr viel engeres Rennen bieten die Herren über 10,8 km: Binnen weniger Sekunden rast als erster der junge Oliver Kuchenbuch, gefolgt von Christian Dietzen und Helmut Wilsch in die Arme unseres Stoppers. Bei den Damen strahlt Lisa Frühauf aus Auggen über ihren ersten Sieg (irgendwie waren dies heuer Auggener Festtage). Auf den Plätzen folgen Elisabeth Ursprung und Lena-Maria Schmahl.
Wie immer strahlen die Finisher mit der Sonne um die Wette - die Grundwerte des Genusslaufs haben sich scheinbar endgültig etabliert. Einmal müssen leider Sanitäter eingreifen, als sich eine Schweizer Läuferin sichtlich verausgabt hat; auch sie kann jedoch am Abend wieder nach Hause fahren.
Während an den verschiedenen kulinarischen Ständen die gastronomischen Leckerbissen genossen werden, das eine oder andere prickelnde kühle Getränk fließt, Genussläuferkuchen begeisterte Abnehmer finden, lassen andere Läufer sich massieren oder tafeln vornehm und verschwitzt mit den letzten Dreissig. Auf der Bühne entwickelt sich die Verleihung der Kostümpreise zu einem weiteren farbenfrohen und lustigen Event - bis sich der enggedrängte karnevalistische Haufen mit "We are the Champions" bis zum nächsten Jahr vom Publikum verabschiedet. Danach die "echte" Siegerehrung, flotter durchgezogen als in manch früherem Jahr. Auch hier dürfen glückliche Läuferinnen und Läufer - alle Sieger und Altersklassengewinner - sich zu den Klängen von Queen auf der Bühne zusammendrängen.
Der anstrengende Abbau erinnert uns dann wieder allzu sehr an das Thema des heutigen Feiertags (nicht das von der Seligkeit…). Ein lohnender kulinarischer Ausklang bietet danach Jahr für Jahr der Markt der Genüsse - sehr gut hat der Müllheimer "Kaiserhof" diesen Anlass erstmals ausgerichtet. Für den unabhängigen Beobachter muss es immer wieder rätselhaft wirken, wie erwachsene Männer und Frauen glückstrahlend stundenlang den Zieleinlauf-Film im Visier haben (mit genau einer Einstellung), um sich irgendwann endlich an zwei kurzen Sekunden zu laben, in denen man sich selbst oder einen seiner Mitstreiter erkennen kann. Aber da findet sie schließlich doch noch statt, die so lange ersehnte Vereinigung: die Mienen der Läuferschar und der Organisatoren pendeln nun, spätabends, irgendwo zwischen Seligkeit und angestrengtem Tag der Arbeit!
