Médoc-Marathon

Ein Laufbericht von Christoph Hoffmann

 

Marathon des châteaux du Médoc
oder
Die Mutter aller Genussläufe


Der alljährlich Anfang September stattfindende Lauf ist eine Mischung aus Weinproben, Karneval, Musikfestival, Kardiologentreffen und einem nicht ganz ebenen 42 km langen Lauf durch Grand Cru Rebanlagen, Dörfer des Médocs und Weingüter der Klasse Château. Kurzum eine mindestens drei Tage lange Party.

Angefangen hat alles vor genau 20 Jahren. Beim ersten Médoc-Lauf fanden sich 300 Wein- und Lauffreunde ein, schnell wurden es mehr (nach 4 Jahren waren es 1400 Läufer), seit 5 Jahren ist der Marathon bereits im Januar stets voll gebucht und mit rund 8000 Teilnehmern einer der großen Läufe Europas. Kein bisschen müde sind die Veranstalter und 2004 wird nun das zwanzigjährige Bestehen gefeiert. Um Tendenzen der Anpassung vorzubeugen, wurde für das Jubiläumsjahr die Verkleidung der Läufer zur Pflicht erklärt.

Es ist unglaublich, mit welcher Frische und welchem Elan die Bevölkerung einer ganzen Region an einem Strang zieht, mit anpackt, mitfeiert und den Lauf zu einem Erlebnis macht. Eine Genussläuferkarriere ist nicht komplett ohne den Médoclauf. Es ist ein Lauf für alle, die es sich leisten können, nicht in New York zu laufen.

Ja, es ist eine Gegenveranstaltung zu den typischen Stadtmarathons, betont ländlich, herzlich, leicht schräg und gleichzeitig typisch französisch, denn man weiß zu leben und was kümmert mich anderer Leute Meinung.

So gibt es auch kein Problem mit Sport und Alkohol. Denn der Genießer ist kein Alkoholiker. Und die Region lebt nun mal vom Wein. Wie soll sich die Region anders präsentieren, als mit den weltberühmten Lagen und Weinen?

Also genau das richtige für Genussläufer: Wir waren 2003 dabei. Einige von uns sind nach Bordeaux geflogen (empfehlenswert ist der Direktflug von Straßburg nach Bordeaux), andere sind mit dem Auto gefahren und haben noch einige Strandtage an der Atlantikküste drangehängt. Start und Zielort ist die Tausend- Seelen-Gemeinde Pauillac, unter Weinkennern eine feste Größe.


Was anderenorts gemeinhin Pasta Party genannt wird, nennt sich im Médoc "Abend der Tausend Nudeln".
Zu den Klängen von großen Jagdhörnern werden im Anblick des vom Abendrot beleuchteten Chateaus zunächst mehrere fruchtig frische Chardonays mit etwas Salzgebäck als Aperitif auf der grünen Wiese gereicht . Man unterhält sich im Stehen im internationalen Pulk, wie auf einer Cocktailparty, bevor dann von den rund 1500 Gästen das Zelt gestürmt wird. Wir staunten doch gewaltig, welches Niveau hier geboten wird: gedruckte Menükarten, drei Porzellanteller, mehrere Bestecke und mehrere Weingläser pro Person. Als Vorspeise wurde 2003 serviert Nudelsalat mit Käse, dann als erstes Hauptgericht Spaghetti mit Meeresfrüchten, zweites Hauptgericht Macaroni mit Kalbfleisch in weißer Soße, als Magenschließer Käse mit Weingelee, und als Dessert eine Petite Crème de Phélan Ségur. Letzteres eine Erfindung des ausrichtenden gleichnamigen Weingutes. Es waren hauchdünne Suppennudeln versteckt in einer Art "Creme Caramel". Neben zahlreichen hochkarätigen, aber jüngeren Rotweinen aus dem Médoc, die während des Essens verkostet werden konnten, war der Höhepunkt der Getränke jedoch der 94-er Saint-Estèphe des Chateau Phélan Ségur.

Wo Wein im Spiel ist, darf Gesang nicht fehlen. Jede im Zelt vertretene Nation leistet einen musikalischen Beitrag, der von der stetig im Hintergrund spielenden Jazz-Band begleitet wird. Von österreichischem Schuhplattler über eine Gruppe aus Köln, die mit einer Perkussion zu Queens "We will rock you" das Zelt zum Beben brachte, über diversen französischen Lokalkolorit hin zu ungewohnten Klängen aus Japan.

Jedes Jahr wechselt das ausrichtende Château und der ausrichtende Ort. Wer keine Karten mehr zur Pasta Party bekommt, dem wird Essen am Ufer der Gironde von der Rugbymannschaft des Ortes angeboten, wo anschließend, wie auch im Pasta Zelt, die Orchester zum Tanz aufspielen. Schwer, sich in Erinnerung zu halten, dass man am nächsten Morgen einen Marathon bestreiten wollte. Doch auch das geht und zwar auf die entspannte Art.


Am nächsten Morgen beeilen wir uns zum Start zu kommen. Tausende von Verkleideten verstopfen die Strassen. Völlig skurrile Szenen, die im Gedächtnis bleiben, spielen sich ab. So gehen wir an zehn im Stehen an eine Gartenmauer pinkelnden Nonnen vorbei, begegnen laufenden Weltkugeln, Sektkelchen und Fröschen, das Mindeste an Verkleidung ist ein Baströckchen.

Nach einer eindrucksvollen Startzeremonie mit Musik, Tänzern und Fahnen geht die Reise über 42 km mit Dir selbst los. Die Reise ist wie ein Film der läuft, dabei läufst Du selbst durch die Kulisse. Nach 2,5 km der erste von insgesamt 22 offiziellen Versorgungsständen, daneben unzählige z.T. spontan von privat organisierte Versorgungsstation und eben noch 21 Châteaus auf denen Wein probiert werden kann. Also bisher der erste Lauf, an dem wir lahmen Läufer nicht an Unterversorgung leiden mussten. Nachteil ist, dass man nach 6 Stunden im Ziel sein muss. So leidet die Weinverkostung doch arg und nicht jede Massagestation kann unterwegs ausgekostet werden. Bergan überholen wir die Gruppen, die ganze Segelschiffe oder Walzen vor sich her schieben, bergab werden wir wieder überholt. Über uns kreist ein filmender Hubschrauber wie bei der Tour de France, vor mir läuft ständig ein Däne, ein Hühne, ein ehemaliger Leistungssportler, an den ich mich dranhänge. Im Gegensatz zu mir kann er es sich leisten, bei jedem Chateau Rotwein nachzutanken. Der Lauf führt durch die Parkanlagen der Chateaus und auf jedem Chateau wird Musik geboten, mal rockig mal klassisch, die Besitzer grüßen artig vom Balkon des Schlosses die vorbeilaufende Menge. Einige Läufer bleiben stehen, um Photos zu schießen, andere legen ein Tänzchen ein, die Stimmung ist euphorisch. Ein Geheimnis der guten Stimmung ist, dass die zahlreichen Helfer auf jedem Chateau selbst eine Party feiern.

Doch 42 km Rundschleife in leicht hügeligem Gelände sind immer lang, und als der Regenschauer mich bei Kilometer 33 erwischt, bleibt trotz des tollen Spektakels nichts anderes übrig als zu beißen. Alle Leute helfen mit, die Läufer über die Distanz zu bringen. So stehen viele Fenster der Häuser in den Dörfern offen und die Musikanlage des Hauses wird weit aufgedreht, direkt daneben die Dorfkapelle, die in Uniform französische Weisen spielt. Nicht vergessen werde ich und mein Dank gilt einem unbekannten Musiker aus Marbuzet, der nach all den Jahren sein Publikum gefunden hat. Er hat seinen Verstärker und seine E-Gitarre noch mal vom Speicher geholt, in den Hauseingang gestellt und die Soli von Hendrix in seiner Interpretation im Regen vorgetragen und mich damit über den toten Punkt gebracht. Taten, für die er früher vermutlich in einem Gallischen Dorf an einen Baum gebunden worden wäre.
Die Fleischverkostung bei Kilometer 24 habe ich wohl übersehen, um so mehr labe ich mich an sechs der insgesamt 20.000 geöffnet servierten rohen Austern bei Kilometer 37 mit einem Schluck Weißwein. Dann geht es Schlag auf Schlag: Entrecôte bei km 40 und Käse bei km 41. Tut mir leid, ich muss passen und rette mich zu einem privaten Cola-Stand, um dann über den 180 Meter langen roten Teppich ins Ziel zu laufen.

Zur Belohnung gibt’s T-Hemd, eine Flasche Wein, Teilnehmermedallie und ein Küsschen von der Dame, die den Läufern mit Rosenwasser und Kleenex das verschwitzte Gesicht reinigt. Nahezu automatisch wird man in die Zielversorgung geleitet, bei der es neben allen möglichen Bieren, Weinen, Menthe, Softdrinks und allen möglichen Speisen auch noch einen DJ gibt, der es tatsächlich schafft, die Marathonis nach vollbrachtem Lauf zum Tanzen zu bringen. Chapeau!


Typisch sind auch die genussorientierten Preise für die Sieger, sie werden in Wein aufgewogen und erhalten einen Urlaub auf den Seychellen. Auch die Altersklassensieger erhalten Weinpreise. In Sonderwertungen werden Behinderten, Ehepaare und Betriebsmannschaften geehrt. Wer nach der Siegerehrung noch stehen kann, den erwartet noch ein Ball zum Tanzen und ein Feuerwerk.

Doch Genug ist nie Genug. Am Tag drauf geht’s zur "Ballade de recuperation", was soviel bedeutet wie ein 10 km langer Regenerationsspaziergang. Die "Ballade" ist allerdings "nur" für 4000 Leute gedacht. Teile des Marathonkurses werden nochmals begangen und jetzt ist die eigentliche Gelegenheit, auf den Chateaus Wein zu probieren und zum Abschluss noch ein Mittagessen einzunehmen. Der Lauf ist erst zu Ende, wenn in der Mittagssonne die Läufer und Pärchen mit einer Flasche Wein auf den Wiesen liegen in den blauen Himmel blicken, genießen und den lieben Gott einen Franzosen sein lassen.

Der Médoclauf ist ein Marathon der Superlative, gleichzeitig Materialschlacht und geniales Marketing einer Region. Es ist alles perfekt organisiert. 2700 Helfer bringen, 1to Früchte, 60kg Kekse, 200kg Trockenpflaumen, 50.000l Trinkwasser, 900Liter Cola an 25 offizielle Versorgungsstationen (alle 2,5 km!) und an 21 sportive Oenostationen 900l Wein an die Läufer. Dazu spielen 45 Bands auf. Mehr geht nicht!

Eigentlich sollte der Médoclauf 2003 mein letzter Marathon werden, dennoch - nachdem ich nun weiß, wie es geht - freue ich mich 2004 wieder Teil dieser internationalen, verschworenen Gemeinschaft sein zu dürfen. Und danach ist wirklich Schluss. Denn 42 km sind lang.